Die letzten Jahre im Job? Von wegen!
Shownotes
Feierabend oder Neustart? In dieser Folge von „Endlich 60!“ sprechen Brigitte Huber und Anne-Bärbel Köhle darüber, wie es ist, mit über 60 Jahren an einer beruflichen Weggabelung zu stehen – und warum die Entscheidung für den Ruhestand nicht so einfach ist, wie viele vielleicht denken. Es geht um steigende Renteneintrittsalter, ein längeres Leben und überraschend gute Argumente dafür, weiterzuarbeiten.
Weitere Infos und Links:
- Das Buch "Endlich Ich! Wie wir mit 60 anfangen, unser bestes Leben zu leben": https://www.fischerverlage.de/buch/brigitte-huber-anne-baerbel-koehle-endlich-ich-9783103977394
- Der Fragebogen aus dem Buch „Endlich Ich!“: https://bilder-fischer.s3.eu-central-1.amazonaws.com/s3fs-public/2026-05/Fragebogen_0.pdf
- Podcastfolge mit "Granny Aupair" Ingrid Steegmüller: https://www.apotheken-umschau.de/podcast/episode/einmal-taeglich-glueck-der-glueck-podcast/jetzt-steht-mir-die-ganze-welt-offen-848373.html
- The Health and Retirement Study: https://hrs.isr.umich.edu/documentation
- English Longitudinal Study of Aging (elsa): https://www.elsa-project.ac.uk/
- Umgang mit älteren Mitarbeitenden, Leuphana Universität: https://www.leuphana.de/portale/later-life-workplace-index.html
- Daten zur Rente des Statistischen Bundesamts: https://www.destatis.de/DE/Im-Fokus/Rente/_inhalt.html
- Infos zur Altersdiskriminierung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes: https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/aktuelles/DE/2025/20250325pmaltersbericht.html
- Artikel der Apotheken Umschau zum Thema Rente: https://www.apotheken-umschau.de/gesund-bleiben/fit-im-alter/frueher-in-rente-wann-bin-ich-zu-alt-fuer-meinen-job-1162939.html & https://www.apotheken-umschau.de/gesundheitspolitik/lebenserwartung-steigt-laut-statistik-langsamer-als-rentenalter-1503743.html
In „Endlich 60!“ sprechen Anne-Bärbel Köhle, Chefredakteurin bei der Apotheken Umschau, und Brigitte Huber, ehemalige Chefredakteurin der Brigitte, über das Leben ab 60. Die beiden Journalistinnen sind seit rund 40 Jahren miteinander befreundet und blicken im Podcast auf ihre Lebenserfahrung zurück – und auf die noch anstehenden Jahre. Denn in denen wollen die beiden ihr bestes Leben leben. Für den Podcast „Endlich 60!“ und ihr Buch „Endlich Ich!“ haben sie mit Expertinnen und Experten über das Älterwerden gesprochen: Wie soll es im Job weitergehen? Wie entwickelt sich das Gehirn mit steigendem Alter? Was soll sich im Leben noch verändern – und was darf so bleiben, wie es ist?
„Endlich 60!“ hört ihr jeden zweiten Dienstag – überall, wo es Podcasts gibt und auf www.gesundheit-hoeren.de.
Habt ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de
Fotocredit: Gaby Gerster
Das Team hinter „Endlich 60!“:
Hosts: Anne-Bärbel Köhle, Brigitte Huber;
Redaktion: Kari Kungel, Constanze Radnoti;
Postproduktion: Benedikt Möltner, Yves Seißler;
Chefredakteur: Peter Glück
[ANZEIGE] Mehr über die Angebote unserer aktuellen Werbepartner findet ihr hier: https://www.apotheken-umschau.de/podcast/partner
Transkript anzeigen
00:00:03: SPRECHER: gesundheit-hören
00:00:05: BRIGITTE HUBER: Es gab eine Übung aus meiner Coachingausbildung vor 2 Jahren, die hat mich echt zum Grübeln gebracht. Du hast 100 Kästchen vor dir, die stehen für 100 Lebensjahre und 3 Fragen. Also 0 bis einhundert. Und die Frage, die mich mit am meisten beschäftigt hat, war, wie alt sind Sie, wenn Sie in den Ruhestand gehen?
00:00:28: BRIGITTE HUBER: Puh, ich gebe die Frage mal an dich weiter.
00:00:30: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Wie alt ich bin, wenn ich in Ruhestand bin? Also ich sag mal, an mir hängt ja ein Ablaufdatum dran, ja. Das ist im Moment ein Ablaufdatum. Ich glaube, 2029, ich bin jetzt 63, also ich arbeite noch dreieinhalb Jahre. In dreieinhalb Jahren endet mein Vertrag, also mein Arbeitsvertrag automatisch. Da kann ich gar nix machen, ist so. Und ich hab mir ehrlich gesagt noch überhaupt keine Gedanken gemacht, was ich dann mache oder was dann passiert und ob ich weiterarbeite, keine Ahnung. Wie ist es bei dir?
00:01:02: BRIGITTE HUBER: Also bei mir wars damals so und so ist es immer noch, da ich ja frei bin und nicht mehr fest angestellt, saß ich halt über diesem Blatt und hab mir gedacht, Mensch, was mach ich da? Dann guck ich nach links und rechts, wie wenn man von anderen Leuten da abschreiben könnte bei der Frage. Da ja auch spicken. Und und und sehe das dann tatsächlich auch bei meinen Mitcoaches und die sind halt zum Teil 30 oder so und haben dann auch Sachen angemalt so in den Fünfzigern oder so was. Also das hat mich dann schon ziemlich ja stutzig gemacht und ich hab da drüber, aber wollen wir uns nicht erst mal vorstellen?
00:01:38: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ah, das ist eine gute Idee.
00:01:42: BRIGITTE HUBER: Mein Name ist Brigitte Huber. Ich bin Journalistin, Speakerin, Coach, Autorin und Du?
00:01:48: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Und ich bin Anne-Bärbel Köhle, auch Journalistin und im Chefredakteurin im Team der Apotheken Umschau, Diabetesratgeber, Seniorenratgeber im Wort und Bild Verlag, der auch dieses Audioangebot der Apotheken Umschau herausgibt gesundheit-hören, in dem unser Podcast erscheint. Und das ist unser Podcast Endlich 60. Wir 2 haben nämlich ein Buch zusammen geschrieben, „Endlich Ich – Wie wir mit 60 anfangen, unser bestes Leben zu leben." Das haben wir unter anderem deswegen geschrieben, weil wir uns schon seit 40 Jahren kennen, und jetzt uns überlegen, wie geht das eigentlich weiter, wenn wir zum Beispiel in Rente gehen?
00:02:31: BRIGITTE HUBER: Ja, genau und das war dann für mich der Punkt. Ich hab gemerkt, dass ich mich da wahnsinnig hart tu und eher das zeitlich ganz nach hinten schieben möchte und hab dann mit einem Experten da drüber gesprochen, mit Professor Jürgen Deller, der ist Wirtschaft bei der Leuphana Universität in Lüneburg und dem habe ich dann geschildert, dass ich eben dann gesehen hab, dass die jungen Leute eher dazu tendiert haben, das Renteneintrittsalter eher früh zu halten und wir etwas Älteren dann da eher dazu tendiert sind, das bisschen nach hinten zu schieben und dann hat er gesagt, das wär völlig normal. Wenn man einfach noch jung wäre, dann könnte man sich das ohnehin nicht so wirklich gut vorstellen, jetzt noch so viel Jahrzehnte zu arbeiten, aber wenn der Zeitpunkt dann relativ bevorsteht, dann wäre es bei vielen tatsächlich so, dass sie noch mal sagen, will ich mich wirklich verabschieden vom Job? Was möchte ich noch machen in welcher Dosis? Und ja, das war dann tatsächlich der Punkt, der mich dann im Coaching und auch in meinem weiteren Leben auch immer wieder beschäftigt hat.
00:03:38: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Na ja, es ist ja ein krasser Einschnitt, das muss man sich wirklich mal überlegen und wenn man sich jetzt die Realität 2026 anschaut, dann muss man ja mal sagen, dass wir sowieso schon jetzt viel länger arbeiten, als wir das früher gemacht haben. Und was auch damit zu tun hat, dass natürlich das Rentenalter sukzessive gestiegen ist, gell? Ich geh jetzt mit 66 Jahren und 8 Monaten in Rente, aber mein Mann, der etwas jünger ist als ich, der muss schon bis oder darf bis 67 arbeiten.
00:04:06: BRIGITTE HUBER: Ich auch, Jahrgang 64.
00:04:08: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ah, okay. Ja, ich bin Jahrgang 62, also Ja, genau, alle 2 Jahre, glaube ich, oder jedes Jahr wieder 2 Monate mehr. Wenn man guckt, sind wir in Europa die ältesten Arbeitnehmer, ein Viertel der Menschen, die im Moment arbeiten hierzulande, sind zwischen 55 und 64. Das ist schon echt alt. In der ganzen gesamten Europäischen Union sind's eigentlich nur 20 Prozent, also ein Fünftel, die so alt sind zwischen 55 und 64.
00:04:35: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Wir sind also, was die Rente anbelangt, vergleichsweise hinten. Wir gehen auch vergleichsweise spät in Rente und das hat auch seinen Sinn, denn die Lebenserwartung ist natürlich die letzten Jahre dramatisch gestiegen. Wir wären jetzt…
00:04:47: BRIGITTE HUBER: Schön ist in dem Fall dramatisch.
00:04:49: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ja, stimmt. Also es ist erfreulicherweise sehr gestiegen, aber es ist natürlich auch finanzielles Problem. Wir wären jetzt doppelt so alt wie vor 150 Jahren, als die Rente eingeführt wurde. Das war 1889, wenn ich das mal so gescheithaferlt sagen darf. Da haben war das Renteneintrittsalter lag bei 70, also.
00:05:07: BRIGITTE HUBER: Okay, das wurden aber nicht so viele, oder?
00:05:10: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Nee, es waren gerade mal 5 Prozent, die dieses Alter überhaupt erreicht haben. Das heißt, die Rentenkasse hat einfach nicht so geblutet, wie sie's heute tat. Ab 1916 ist das dann schon auf 65 Jahre herabgesunken. Und wenn man jetzt noch mal guckt, wie lang haben Leute eigentlich Rente bezogen, dann muss man sagen, 1960 hat ein Mann im Schnitt 9 Jahre Rente bezogen, heute sind's 18 Jahre. Also das ist schon eine dramatische Veränderung, die natürlich auch Auswirkungen auf die Frage hat, wie lange wollen wir arbeiten, aber auch wie lange müssen wir arbeiten.
00:05:48: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Es ist ja auch so, dass es relativ viele Menschen gibt und es ist neues Phänomen, die eigentlich gar nicht in Rente gehen wollen, sondern die tatsächlich gerne weiterarbeiten wollen und da hilft da jetzt auch die Aktiv Rente zum Beispiel.
00:06:01: BRIGITTE HUBER: Ja, ich fand das sehr spannend auch bei der Recherche für das Buch. Ich hab da mit einer sogenannten Ruhestandscoach-Frau gesprochen, Sonja Schiff. Das ist eine österreichische Alternsforscherin und wie sie sich selbst nennt, Expertin fürs Älterwerden und die macht seit ungefähr 25 Jahren Seminare, ganz viel auch in Unternehmen, um Menschen son bisschen innerlich auf den Ruhestand vorzubereiten und sie hat gesagt, früher, also das ist so wieder dann 20 Jahre, 25 Jahre her, da waren in der Gruppe kaum Leute, die länger arbeiten wollten als die gesetzliche Rente und wenn, dann haben die so eher mitleidige Blicke gekriegt, so von wegen, Mensch, die oder der Arme muss noch länger, wahrscheinlich finanzielle Gründe und so weiter. Heute, wenn sie solche Seminare macht, dann ist das oft mehr als ausgewogen und trotzdem gibt's noch mitleidige Blicke, anscheinend in beide Richtungen hat sie gesagt. Also die, die weiterarbeiten wollen, die gucken die, die sagen, nö, ich bin da durch mit dem Thema son bisschen mitleidig an und umgekehrt.
00:07:01: BRIGITTE HUBER: Aber ich fand das schon ganz spannend und hab mich dann auch mehr mit dem Thema noch beschäftigt, das hat Sonja Schiff auch schon gesagt. Es erhöht unsere Lebenserwartung in aller Regel, wenn wir länger arbeiten und da gibt's auch wirklich handfeste Studien. Es gibt diese relativ berühmte oder sehr bekannte Health and Retirement Study, die die Amerikaner und Amerikanerinnen genau unter die Lupe genommen hat oder das Gleiche gibt's auch für England und so weiter. Wenn Du ein Jahr länger arbeitest zum Beispiel als 65, dann reduziert das dein Sterberisiko schon mal um 9 bis 11 Prozent, je nachdem, wie dein Gesundheitszustand vorher war. Aber auch die ganzen anderen Parameter, die verbessern sich.
00:07:44: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Bestimmt auch Kopf und Kognition?
00:07:46: BRIGITTE HUBER: Ja, also es ist aber auch erwiesen, wer übers klassische Rentenalter hinaus arbeitet, hat in aller Regel auch bessere Karten, was Herzerkrankungen angeht, selbst bei Krebs, aber eben auch, wie Du sagst, Kopf Alzheimer hat, sagen die Wissenschaftler*innen, hat damit zu tun, Du bist sozial eingebunden, Du hast eine gute Tagesstruktur, Du musst geistig aktiv bleiben. Du hast auch son bisschen dieses Thema Sinn.
00:08:12: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Weil Du unter Umständen lernst auch noch mal was Neues.
00:08:15: BRIGITTE HUBER: Ganz genau. Ja. Also wenn Du einigermaßen fit bist und Bock hast, ist es eine gute Möglichkeit, weiterzuarbeiten.
00:08:21: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Na ja, aber da ist genau jetzt ehrlich gesagt das Problem, ja. Also ich meine, ich weiß nicht, wie's dir geht, aber ich merke jetzt schon, dass ich einfach mit Anfang 60 nicht mehr ganz so belastbar bin, wie ich das vielleicht mit 20 gewesen bin. Also ich möchte jetzt nicht mehr heutzutage 2 Wochen lang Spätschicht in der Tageszeitung schrubben. Und da ist halt die Frage, wie sehr belastet uns die Arbeit, wenn wir älter sind? Was haben wir eigentlich überhaupt noch für Lebenssituationen, die das erlauben, noch zu arbeiten?
00:08:51: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Also häufig ist es ja so, dass in meinem Fall zum Beispiel, meine Eltern werden jetzt langsam pflegebedürftig, ich hab Enkelkinder. Also wir haben jetzt einfach auch noch mal eine familiäre neue Belastung. Da haben wir eigentlich, wenn man guckt, im Moment keine vernünftigen Modelle in der Arbeitswelt für ältere Mitarbeitende und deren Bedürfnisse. Ich sehe da schon eine große Lücke. Und zeitgleich ist es aber so, dass eben viele Leute weiterarbeiten wollen.
00:09:18: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Da gibt es von dem Deller, den Du ja vorhin schon zitiert hast, von diesem Wirtschaftspsychologen eine Studie. Er hat sich Pflegeeinrichtungen in München angeguckt und hat festgestellt, 50 Prozent der Menschen möchten gerne weiterarbeiten nach der Rente. Und zwar zog sich das durch alle Sparten, also von der Küchenhilfe über die Pflegenden bis zur Verwaltung, unisono. Alle haben gesagt, eigentlich würde ich gerne mehr arbeiten, vielleicht nicht so viel wie jetzt, aber würd gern weitermachen. Was damit zusammenhängt, dass die Leute das Gefühl haben, sie tun was Sinnvolles und natürlich stärkt Arbeit auch die Selbstwirksamkeit.
00:09:54: BRIGITTE HUBER: Und das ist ja ein zentraler Hebel, Selbstwirksamkeit hilft dir, wenn Du den Grund brauchst, um morgens aufzustehen, oder? Ja und eigentlich muss man dann sagen, hey, das klingt doch alles super. Es gibt genügend kompetente Leute, die noch weiterarbeiten wollen. Haben einen großen Fachkräftemangel. Haben einen Fachkräftemangel. Das müsste ein Match sein.
00:10:14: BRIGITTE HUBER: Aber ich mach jetzt Quiz mit dir. Hast Du Lust? Also pass auf. Ich liste jetzt 7 Eigenschaften auf und Du sagst mir, welche schreibst Du eher den Jüngeren zu?
00:10:25: BRIGITTE HUBER: Jünger ist in dem Fall unter 35 und welche den Älteren, heißt ü50. Lernbereitschaft, ist das eher jung oder eher 50 plus?
00:10:37: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Beides, kann ich beides auch sagen oder muss ich mich entscheiden? Okay danke. Beides.
00:10:40: BRIGITTE HUBER: Produktivität.
00:10:44: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Eher jünger.
00:10:48: BRIGITTE HUBER: Stressresistenz.
00:10:49: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Beide.
00:10:50: BRIGITTE HUBER: Hätte ich sogar gedacht, eher älter, aber bitte. Loyalität.
00:10:52: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Eher ältere.
00:10:53: BRIGITTE HUBER: Kreativität.
00:10:54: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Eher jüngere.
00:10:57: BRIGITTE HUBER: Zuverlässigkeit.
00:10:58: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Eher ältere.
00:11:00: BRIGITTE HUBER: Und Flexibilität.
00:11:02: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Auch eher Jüngere.
00:11:04: BRIGITTE HUBER: Ja, da bist Du schon sehr mainstreamig, leider muss man sagen, weil ich fand die Auflösung super nervig. Es wurden nur 2 Eigenschaften 50 plus Leuten zugeteilt und das ist Loyalität und Zuverlässigkeit. Ehrlicherweise, das heißt in Wahrheit, die klauen keine goldenen Löffel und egal was ist, dann stehen sie am Montag um 8 wieder an der auf der Treppe. Das fand ich schon extrem, ja, demoralisierend und was interessant ist, es ist auch nicht richtig. Also zum Beispiel, was Stressresistenz angeht, es sind ältere Leute, muss man mit Professor Deller reden, natürlich häufig, die haben Umstrukturierungen erlebt, haben dies oder jenes, sind die eigentlich ganz weit vorne.
00:11:48: BRIGITTE HUBER: Was Produktivität angeht, das fand ich auch sehr spannend, da gibt's auch Erhebungen, da sind die fast auf gleicher Höhe, da sind die etwas Älteren um ein Prozent schwächer, also das ist kaum mehr messbar und was zum Beispiel jetzt Kreativität auch angeht, ich fand's total spannend, was Patente angeht, ja? Also Du forschst ewig lang in irgendeinem Bereich und meldest dann irgendwann ein Patent an und da gibt's zum Beispiel auch sone Untersuchung bei sehr forschungsintensiven Branche, die heißt so Life Science, Materialwissenschaften und Informationstechnologien wird ein Drittel aller Patente von Menschen 55 plus eingereicht. Und Professor Deller sagt, ist auch vollkommen normal, weil Du hast halt dann erst die Expertise und Du brauchst das, um irgendwann mal irgendwas rauszufinden, was ja überdurchschnittlich ist. Und da ist mir ein Zitat immer wieder untergekommen, dass ich sehr gern mag, die Jüngeren, die rennen zwar schneller, aber die Älteren, die kennen dann die Abkürzung. Und das ist dann ganz häufig der Punkt und das beschreibt dann Della auch so, die gucken da manchmal auf ein Blatt und können sofort sehen, ah, was stimmt da.
00:12:59: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Aber gleichzeitig ist es doch so, das muss man jetzt einfach mal sagen, dass wir mit 50 plus aufm Arbeitsmarkt deutlich schlechtere Karten haben. Ich hab eine Kollegin zum Beispiel, die hat jetzt ihren Job verloren, ja, die ist jetzt arbeitslos und hat, glaube ich, jetzt 80 Bewerbungen geschrieben. Die wird nicht mal eingeladen zum Vorstellungsgespräch, sondern da werden immer Jüngere bevorzugt, auch was Weiterbildungen oder so was anbelangt. Leider wär ganz schlimmes Thema. Ja, was Unternehmen älteren Arbeitnehmenden anbieten. Da muss man wirklich sagen, da sind die armen Älteren wirklich ganz weit hinten dran. Die kriegen im Grunde fast keine Weiterbildungen angeboten.
00:13:35: BRIGITTE HUBER: Genau und man muss sagen, älter beginnt halt wirklich schon wirklich mit 50. Ich hab letzte Woche erst gehört mit 'ner Coachfrau, die sich eben um Menschen kümmert, die ab 50 plus nicht mehr so gut unterkommen oder so und die hat gesagt, sie spricht mit CEOs und so, die sagen, ey Leute, wir suchen häufig auch gar keine Leute mehr ab 40. Also da beginnt alt werden schon sehr früh.
00:13:58: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Weil wir nur diese langweiligen Sekundärtugenden zugeschrieben bekommen, nämlich Loyalität und Zuverlässigkeit.
00:14:04: BRIGITTE HUBER: Ja, aus welchen Gründen auch immer. Da gibt's mit Sicherheit verschiedene Gründe, aber genau, also Flexibilität und all, das wird uns eben nicht mehr so zugeschrieben. Weißt Du denn überhaupt, wie viele Karrierejahre wir als Frauen richtig gut vor uns haben?
00:14:18: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ist es so deprimierend? Ich glaube, es sind exakt 6, oder?
00:14:22: BRIGITTE HUBER: Ja, also man muss da der eher der Fairness halt halber sagen, es gibt unterschiedliche Studien und das ist eine, die ich besonders schön finde, weil es sind halt nur 6. Und dann denkt man, wie kommt die Menschheit auf 6 Karrierejahre?
00:14:36: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Na ja, eigentlich ist es ziemlich einfach. Erst bist Du zu jung.
00:14:38: BRIGITTE HUBER: Also Du bist lang zu jung.
00:14:40: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ja, Mitte 20 zu jung. Da kannst Du auch keine Führungsperson werden.
00:14:43: BRIGITTE HUBER: Und das finde ich auch ganz interessant, weil das hätte ich gedacht, das hätte sich verändert. Dass wir früher mit Anfang 20, dass alle immer gesagt haben, ja, jetzt wärst Du erst mal bisschen älter, wachs erst mal rein, schau dir alles an, bin ich normal, aber es scheint immer noch so zu sein. Die Jungen, die müssen erst mal zugucken und lernen und so weiter. Also dann bist Du, sagen wir mal, in den Zwanzigern bist Du zu jung.
00:15:04: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ja, okay, dann wirst Du schwanger.
00:15:06: BRIGITTE HUBER: Als Frau, kannst oder kannst schwanger werden oder wirst tatsächlich schwanger. Das heißt, Du bist hormonell schon mal raus, ja? Oder zumindest bist Du nicht bevorzugt, was Karriere angeht.
00:15:18: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Nee, wenn Du potenziell schwanger werden kannst, kannst Du ja auch potenziell ausfallen offensichtlich ist es so, dass diese Sache mit dem Kinderkriegen und Kinder großziehen immer noch weitestgehend bei den Frauen gesehen werden.
00:15:28: BRIGITTE HUBER: Immer noch, genau. Und dann irgendwann, so mit Anfang 40 und da beginnen ja jetzt nämlich diese magischen Karrierejahre mit 42, bist Du im richtigen Alter. Also Du hast das alles hinter dir und dann beginnen angeblich deine 6 Karrierejahre.
00:15:44: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Bis Du in die Menopause kommst.
00:15:46: BRIGITTE HUBER: Ja, heute würde man sogar sagen, wieso kommt man ja auch in die Perimenopause, aber das lassen wir jetzt mal weg, weil ansonsten haben wir überhaupt keine Karrierejahre mehr, weil man weiß es nie. Aber dann stimmt's tatsächlich, dann bist Du Ende Ende 40. Ja, und dann kommt das zweite hormonelle Desaster, sag ich noch mal, dann bist Du raus und wenn die Menopause dann vorbei ist Dann sind wir alt.
00:16:09: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Dann sind wir nur noch zuverlässig und und was war es zuverlässig und was war das zweite? Pünktlich. Loyal und pünktlich.
00:16:16: BRIGITTE HUBER: Ist das Gleiche. Aber das fand ich schon, ich fand das schon ganz, ganz schlimm. Ich weiß noch, als ich angefangen hab als junge Journalistin, hab ich für die Zeitung in meiner Heimatstadt gearbeitet, das Trostberger Tagblatt und das habe ich dann nebenbei gemacht, wirklich neben Studium, neben Kind, das ich damals schon hatte und hab dann immer noch so Artikel geschrieben und hab die dann irgendwie da reingesteckt und die wurden abgedruckt. Und eines Tages trifft der Chefredakteur, zu dem ich selber gar keinen Kontakt hatte, meine Mutter und erzählt meine Mutter, dass ich hundertprozentig meinen Weg als Journalistin machen würde, weil ich würd das Wichtigste mitbringen und dann denk ich, was kommt jetzt? Geniales Schreiben, irgendwas. Was kam? „Ja, sie gibt's immer pünktlich ab." Das hat mich damals als Zwanzigjährige schon erschüttert, aber das noch mal, das muss ich einfach noch mal nachlegen. Vielleicht trifft's mich deswegen immer so. Trotzdem auch diese Geschichte, er zeigt ja, es ist trotzdem einiges besser geworden, weil wenn ich mich an meine Anfänge erinnere, erinnere ich mich an eine Chefin, die wir beide kennen.
00:17:17: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ja und Oh ja, Freundin. „Der Teufel trägt Prada"
00:17:20: BRIGITTE HUBER: Ja, also ich sag nur, da war ich Anfang 30 und es war meine erste richtige Führungsposition und meine Chefin, die saß gegenüber in einem Büro und das war sehr häufig zu. Und dann brauchte ich eine ganz, ganz wichtige Entscheidung von der und Sekretärin war nicht da, dann denke ich, was machst Du? Ist schon lang keiner mehr rein oder rausgegangen. Dann bin ich hingegangen, hab geklopft, hab ganz sanft die Tür aufgemacht, dann guckt die mich an und sagt „Brigitte, merk dir eins, geh nie zu deinem Fürsten, wenn Du nicht gerufen wirst." Und Schlimme war, das hat die komplett ernst gemeint. Und ich bin wieder zurück, hab mir gedacht, alles klar und so weiter. Also und dann denke ich mir, das muss man heute sagen, ich glaube, diese Art von Führungsstil, dieses wie man junge Leute betrachtet oder so was, das ist heut anders, oder?
00:18:09: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Wir sind, ja, ich hoffe sehr, also auch wie Du als Arbeitnehmerin betrachtet wirst, ja? Ich kann mich, ich hab ja auch relativ früh meine Kinder gekriegt mit, nicht ganz so früh wie Du, mit Mitte 20 und war noch im Studium und bei meinem ersten Job in der Amtszeitung bin ich dann irgendwann ins Ressortchef vom Dienst gekommen, das war sone kleine Führungsposition. Da war ich Anfang 30 und die erste Frage, die meine Kollegen, meine männlichen mir gestellt haben, war und wer guckt jetzt nach deinen Kindern?
00:18:35: BRIGITTE HUBER: Ja, schöne Frage, genau.
00:18:37: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Schöne Frage und ich glaube, das würde einem heute jetzt auch nicht mehr passieren. Gleichwohl denke ich, dass Du es als Frau verhältnismäßig schwer hast aufm Arbeitsmarkt, eben gerade, weil Du tatsächlich diese magischen 6 Jahre hast. Genau. Und dann spätestens mit der Menopause dir halt auch diese ganzen Altersgebrechen zugeschrieben werden.
00:18:54: BRIGITTE HUBER: Ja, aber dann erlaube mir noch diesen einen Rückblick, wo man dann auch wirklich merkt, dass Sachen besser geworden sind. Wir haben uns früher auf Vorstellungsgespräche vorbereitet und eine der kniffligsten, eigentlich die einzige knifflige Frage war, was sagen wir auf die Frage und wer passt auf die Kinder auf, wenn die krank werden oder sonst irgendwas? Ich mein, da würdest Du heut einen Riesenärger kriegen.
00:19:16: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ja, Gott sei Dank.
00:19:17: BRIGITTE HUBER: Ja, absolut. Also da man merkt, es ist dann einiges besser geworden und trotzdem sind wir in diesem Generationen Miteinander, möcht ich's mal sagen, befinden wir uns auf einmal auf der anderen Seite. Wir sind jetzt nicht mehr die Jungen, die sich irgendwie gegen die Älteren da zur Wehr setzen müssen, sondern wir sind jetzt die Älteren, manche sagen auch Boomer.
00:19:35: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Boomer lieb ich das Wort.
00:19:37: BRIGITTE HUBER: Boomer liebst Du?
00:19:37: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ja, ich liebe Boomer. Lieblingsverachtungsvokabel ist Boomer.
00:19:42: BRIGITTE HUBER: Ja und was ist die Lieblingsfarbe der Boomer?
00:19:45: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Beige.
00:19:45: BRIGITTE HUBER: Ja, das ist echt so lustig, weil Du erzählst das ja seit Monaten und ich hab eine Studie jetzt gefunden, die ist auch sehr interessant, die geht so um 50 plus und leider haben die jungen Leute wirklich all diese Klischees, muss man ganz ehrlich sagen, die wir einfach nicht haben wollen. Wir sind zwar nett bescheiden, das sind wir sind digital unfähig, das mag jetzt auf uns beide auch tatsächlich zutreffen, aber in Wahrheit wahrscheinlich auch nicht mehr als auf die meisten anderen Menschen. Wir sind unflexibel und was ich ja auch ganz irre finde.
00:20:19: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Dass wir mit 50… Also ich hab den Eindruck, meine Kinder unterscheiden überhaupt nicht, ob Du 50 bist oder 60 oder gleich 80.
00:20:26: BRIGITTE HUBER: Ja, und das ist bei der Studie auch rausgekommen. Ab 50 werden alle in eine große Schublade gesteckt. Ich mein, Du musst sagen, 2 Generationen werden da in eine Schublade gesteckt und da wird nicht mehr differenziert. Das finde ich schon krass. Allerdings glaube ich, hab ich auch so früher auf ältere Menschen geguckt und älter war alles ab 40, als ich jung war.
00:20:45: BRIGITTE HUBER: So ein bisschen ist es vielleicht so, aber wie auch immer. Wir haben, was ich ja momentan eigentlich spannend finde, wir haben ja bis zu 4 verschiedene Generationen am Arbeitsplatz, was ja sehr belebend sein kann, aber auch manchmal bisschen anstrengend oder wie erlebst Du das?
00:20:59: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ich unterrichte ja auch junge Journalist*innen seit vielen Jahren, schon seit 30 Jahren und da fällt mir schon auf, dass die Leute anders auf mich zugehen. Also sie, ich wir duzen uns immer in dem Umfeld, mich duzt kein Mensch, die sagen alle Sie, weißt Du?
00:21:13: BRIGITTE HUBER: Ja. Okay.
00:21:14: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Das kriegt irgendwie keiner mehr hin, zu soner relativ, sag ich mal, gestandenen Frau dann doch Du zu sagen. Und ich merke aber auch, dass dass sie schon mit großem Respekt auch auf mich zugehen. Also früher war das irgendwie mehr so auf Augenhöhe, also ich versuche immer auf Augenhöhe zu unterrichten, aber ich merke einfach, dass sie mir gegenübertreten, schon auch mit dem Wissen, dass ich jetzt eben 40 Jahre Berufserfahrung im Kreuz habe und offensichtlich auch Dinge weiß, die sie nicht wissen. Und ich erlebe es aber so, dass ich dieses Unterrichten damals wirklich im Grunde eben als Unterrichten gesehen habe. Ich bring denen was bei.
00:21:48: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Inzwischen ist es aber so, dass ich genauso viel von von den jungen Leuten lerne, ja, weil die Ich geh immer raus und hab was Neues verstanden und da frage ich mich schon, warum nützen wir diese Ressource eigentlich mehr, dass wir ältere und jüngere Menschen zusammenarbeiten lassen und aus diesem Erfahrungsschatz schöpfen und zeitgleich aber auch aus dem, was eben junge Leute besonders gut können?
00:22:09: BRIGITTE HUBER: Ja, also zum einen ist es tatsächlich so, dass die Unternehmen das schon mitkriegen, also da hab ich auch mit etlichen Expertinnen und Experten geredet und die machen dann Generationenworkshops, wo man wirklich auch gezielt versucht, diesen Wissenstransfer und auch überhaupt die die Schnittmengen untereinander zu finden. Ist ja beides spannend. Wo wo haben wir irgendwie Gemeinsamkeiten und wo können wir uns gegenseitig bereichern? Und das finde ich schon ganz spannend, was glaube ich tatsächlich anders ist als früher. Ich hab das früher so erlebt, jetzt im Journalismus, wenn Du eine Chefredakteurin hattest, die 20, 30 Jahre älter war, dann hast Du das Gefühl gehabt, Du kannst in jeder Hinsicht fast von ihr lernen, außer jetzt durch einen frischen Blick auf Themen oder so was.
00:22:54: BRIGITTE HUBER: Heute hat sich das allein durch die digitale Transformation schon geändert. Es ist einfach so, da sitzen welche mit dir am Tisch und die kennen sich, weil sie einfach 30 Jahre jünger sind, vielleicht schon mal automatisch mit digitalen Dingen besser aus, wobei da dann auch wieder Expertinnen sagen und Experten, na ja, bloß weil jemand gut TikTok kann, kennt der, hat der keine digitale Expertise. Also das muss man dann auch wieder mal Nee…
00:23:19: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Aber aber was ich zum Beispiel festgestellt habe, die können ja tatsächlich Sachen, die wir unter Umständen nicht können, ja? Und eine Erfahrung, die ich mache, ist, dass junge Leute zum Beispiel wahnsinnig gerne, wie wir ja auch, ja, ihr Wissen teilen. Das ist ja tolles Gefühl. Ich kann mich an eine Situation erinnern, das war so bissel nach Corona. Da ist ja alles auch von heut auf morgen sofort digital geworden und ich hab die Ohren angelegt und hab gedacht, oh Gott, das kann ich überhaupt Dann hab ich mich coachen lassen und die Coachin, die hat dann zu mir gesagt, Sie müssen einfach sagen, könnten Sie das bitte noch mal erklären, wie das geht? Ich bin eine ältere Arbeitnehmerin, ja. Ich hab ich hab wirklich gedacht, ich muss mich überwinden Und dann hatten wir wieder irgendwie son Technikworkshop und irgendeiner wollte mir irgendwas beibringen, wie was weiß ich, Teams funktioniert oder sonst was. Und ich hab's nicht kapiert und dann hab ich zu dem gesagt, könntest Du das bitte noch mal erklären? Ich bin eine ältere Arbeitnehmerin und dann hat er mir das erklärt, wirklich als ob er mir wie in der Sesamstraße, ja. Ich hab alles verstanden. Mit einer Eselsgeduld hat er mir das beigebracht und ich hatte das Bäm drauf und zwar für immer und konnt's später auch noch den anderen erklären, ja, wie's geht.
00:24:27: BRIGITTE HUBER: Also das ist, glaube ich, auch der Punkt. Man muss sich dann auch manchmal trauen zu sagen, hey, ich ich hätt's noch mal bitte ganz klein, fein, säuberlich aufbereitet und dann haben wir's ja dann in der Regel auch für immer drin oder wir schreiben uns die wichtigsten Schritte auf oder so. Aber auch noch mal zu dem Thema generationenübergreifend, was ich schon auch immer total spannend finde, dann brauchst Du auch gar keine Workshops und Du brauchst kein Mentoring und kein Reverse Mentoring, was ja das Umgekehrte ist, also eine jüngere Person bringt dir was bei, ist, wenn Du gemeinsames Projekt hast und gemeinsames Ziel. Das fand ich immer sehr, sehr spannend auch in meiner Zeit als Chefredakteurin, wenn Du neues Blatt entwickelt hast, dann hast Du eine Social Media Redakteurin gehabt, die da da am Start war und die war vielleicht grad mal 20 und Du hattest jemand, der in der letzten Phase vor der Rente ist als Bild Redakteurin und wenn alles gut lief und das war nicht selten, dann sind die abends auf Bier gegangen zusammen. Ja.
00:25:19: BRIGITTE HUBER: Und dann ist das ist richtig, richtig schön. Aber gut, also in Wahrheit, klar, schön, wenn wir das im Unternehmen, wenn wir in einem Unternehmen oder in einem Arbeitsumfeld sind und das so ausleben können, aber ist es jetzt noch eine gute Zeit für einen Neustart? Also das ist ja schon dann auch bei Leuten, wenn sie nicht so happy sind, dass die dann so mit Mitte, Ende 50 oder so sagen, hey, vielleicht doch noch mal ganz neu. Was meinst Du?
00:25:45: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ich glaub, dass das sogar oftmals die einzige Option ist. Und ich glaube, dass so ein Neustart einen wirklich auch noch mal komplett nach vorne bringen kann. Für unser Buch hab ich mit vielen Leuten geredet, die tatsächlich nach der Rente, ja sozusagen Berufstätigkeit offiziell vorbei, jetzt Rente, was mach ich jetzt, einfach noch mal was komplett Neues angefangen haben. Und das krasseste Beispiel war ein pensionierter Bundespolizist, der einfach gesagt hat, ich wollte mein Leben lang Metzger werden und eine Metzgerlehre begonnen hat im zarten Alter, ich glaube, von 67. Okay.
00:26:20: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Er war der älteste Metzgerlehrling oder überhaupt der älteste Lehrling, den's jemals gab in Deutschland. Und mit 69 hat er dann seine seine Lehre abgeschlossen, ist jetzt also ein Metzger, ein ausgebildeter Metzger und arbeitet auch in diesem Beruf zum Teil. Und noch jemand, den ich kennengelernt hab, das war eine Frau, die immer als Krankenpflegerin gearbeitet hat und die hatte immer das Gefühl, ach Mensch, ich hätte so gerne in meinem Leben noch mal was irgendwie erlebt und hätte auch noch mal gern was Neues gelernt. Und die hat dann in der Abendschule Englisch gelernt und hat sich als Granny Au pair verdient gemacht.
00:26:56: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Die ist als Au pair und hat dafür auch Geld bekommen, zum Beispiel nach Australien, USA, in Bali ist sie gewesen, wo auch immer, ja. Ist da irgendwie hingereist, hat anderer Leute Kinder betreut und nebenher auch noch Sprachen gelernt. Das find ich ganz ganz tolle Beispiele, ja.
00:27:13: BRIGITTE HUBER: Und das gibt's auch immer wieder, aber es ist, glaub ich, auch gar kein Wunder, dass man über diese Geschichten so viel spricht, weil sie letztlich doch ganz selten sind und ich fand das ganz interessant, der Psychologe Oskar Holzberg, den ich jetzt auch schon seit vielen, vielen Jahren kenne, der hat dazu auch gesagt, radikale Neuanfänge im Job jenseits der 50, dass die selten sind, wundert ihn nicht. Wir haben nun mal im Laufe unseres Lebens Fähigkeiten erworben, die wir letztlich auch nutzen wollen und er sagt dann, ansonsten fühlen wir uns wie ein Acker, den man nicht mehr bewässert, weil man ihn abgeschrieben hat und eigentlich ist aber im Boden noch so viel, was wachsen könnte. Und das finde ich auch ganz, ganz schönes Bild, weil wenn man tatsächlich ja das Terrain verlässt, da muss man schon noch mal richtig wieder neu pflügen, ja. Also für die meisten ist das dann keine Option und das heißt, wir sollten dann die letzten 5 oder 10 Jobjahre so gut meistern, wie wir können und wie machen wir das? Wie machst Du das denn?
00:28:12: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Puh, gute Frage. Wie mache ich das? Ich versuche tatsächlich so oft wie möglich was Neues zu lernen. Also ich guck mir jede App an, die es irgendwie neu gibt, die auch nur ansatzweise streift, was mich interessiert. Ich höre Podcasts rauf und runter. Ich hab neulich KI Kurs gemacht am Hasso Plattner Institut, das kann man echt nur jedem empfehlen. Da gibt's Kurse für Einsteiger im zum Beispiel beim Thema künstliche Intelligenz. Das habe ich dann gemacht und ich hab dann gemerkt auch und das fand ich sone gute Erfahrung, dass Du wirklich dazu in der Lage bist, auch noch mal echt was Neues zu lernen. Das geht am Anfang vielleicht bisschen ruckeliger, aber wenn Du dann irgendwie wieder in deinem Lerntempo drin bist, dann bist Du wirklich richtig schnell auch wieder im Lernen und das hat mir einen irren Spaß gemacht, diesen Kurs irgendwie zu absolvieren. Also so verbringe ich meine letzten Jahre.
00:29:02: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ich versuch so viel wie möglich auch an meiner Erfahrung weiterzugeben und einfach guten Job zu machen.
00:29:08: BRIGITTE HUBER: Ja, ich glaub, das ist mal ganz, ganz wichtig. Also dass man schon versucht, das, was man hat, weiterzugeben. Was ich ja immer so schade finde, ich hab hab mir immer gedacht, es wär ganz gut, wenn wir allmählich unsere Arbeitszeit reduzieren könnten, um uns dann allmählich auch auf ein nächstes Kapitel vorzubereiten. In in meinen Jobs war das dann zuletzt ja auch immer so, dass die zeitlich so ja, exorbitant waren, dass da einfach gar keine Möglichkeit blieb für einen Plan B. Ich weiß auch, Experten und Expertinnen raten auch, dass man vielleicht Sabbatical macht, aber da muss man ganz ehrlich sagen, das funktioniert halt häufig nicht, weil entweder im Hinblick auf die Rente oder auch auf dem Arbeitsumfeld, aber eine schlechte Idee wär's wär's mit Sicherheit nicht.
00:29:53: BRIGITTE HUBER: Was ich ganz, ganz wichtig fand, das hab ich auch noch mal rausgenommen und man kann ja oft positive Aspekte in die Arbeit reinbringen, aber manchmal klappt's halt nicht mehr und dann ist die letzte Arbeitsphase nicht mehr so prickelnd.
00:30:06: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ja, da kenne ich einige, die dann einfach irgendwie sagen, puh, ich bin froh, wenn's vorbei ist und wirklich wie in Knasthausen im Grunde, ja? Ja. Irgendwie die Tage abstreichen.
00:30:13: BRIGITTE HUBER: Genau. Die in den Job noch 312 Tage bis zur Freiheit, was ja bisschen schade ist, klar, also kann man noch mal drüber reden, wie man das anders gestaltet, aber letztlich dann dann kommen manchmal so kränkende Erfahrungen, das hat dann auch Sonja Schiff noch mal erzählt, der Ruhestandscoach, dann, dass einem gesagt wird, man man darf auch gern schon 3 Monate früher in Ruhestand gehen oder auch tatsächlich, Du musst nicht mal eine Übergabe machen und dann finde ich's schon ganz, ganz wichtig und da hat auch Sonja Schiff gesagt, da gibt's auch Übungen dazu, wie man sich quasi dann die letzte Phase nicht zum dominierenden Faktor
00:30:51: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Du meinst die letzte schlechte Phase, die schlecht
00:30:54: BRIGITTE HUBER: ist, dass die nicht quasi das Gesamturteil über dein Berufsleben bildet.
00:30:59: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Und wie würde mir das gelingen?
00:31:01: BRIGITTE HUBER: Ja, tatsächlich gibt's da auch so eine Übung, also ich nenn die immer Don't Look Back in Anger, so einen Berufslebensrückblick, das hat dann auch was mit Kästchen zu tun und wann Du angefangen und wann bei welche Phase. Das machst Du super in dem Workshop oder mit jemandem zusammen, kannst aber auch allein machen und wann waren gute Phasen, wann waren schlechte Phasen, dass Du die wieder nach oben bringst und dass Du sagst, ja okay, das ist jetzt momentan nicht so prickelnd, aber das heißt nicht, dass mein Jobleben nicht in Ordnung war, nicht gut war, weil das tatsächlich wohl relativ häufig passiert, dass der letzte Eindruck dann das ganze Bild so prägt und ehrlicherweise, da fallen mir auch etliche Leute ein, die dann einfach dann auch aufs Unternehmen zurückblicken und sagen, das ist jetzt schlecht und das ist jetzt schlecht und den Unternehmen ist es eigentlich egal, aber für einen selber ist es ja so, dass man das bisschen entwertet, was eigentlich sehr, sehr gut war. Aber das ist jetzt, wir sind jetzt schon dann zu stark beim Ruhestand, wir wollten uns ja eher über diesen kurz vor Feierabend oder so unterhalten und da glaube ich, könnte man auf jeden Fall noch eine gute eigene Folge machen und da mag ich auch das Loriot.
00:32:06: BRIGITTE HUBER: Zitat. Das Loriot Zitat so gerne, der da sagte, es ist mein erster Ruhestand, ich übe noch. Also das ist aber dann tatsächlich ein ganz, ganz großes Eigenthema. Aber Du bist vorher ein bisschen ausgewichen oder bist nicht so ausgewichen, aber bei der Anfangsfrage, wann gehst Du in Rente? Du gehst also dann in Rente, wenn der Gesetzgeber oder dein Arbeitsvertrag das vorschreibt und…
00:32:32: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ja, aber das heißt ja noch lange nicht, dass ich aufhör zu arbeiten. Da gibt's noch 1000 andere Möglichkeiten und vielleicht fang ich auch noch mal was ganz Neues an. Ich träume zum Beispiel davon, in meinem Leben noch mal professionell zu kochen. Sagst du wieder bist du des Wahnsinns, fette Beute, aber ich würde wahnsinnig gerne kochen.
00:32:48: BRIGITTE HUBER: Nein, gar nicht. Du hast gestern, ich würd mal sagen, ich lehn mich jetzt weiter ausm Fenster, die beste Quiche gemacht, die ich jemals serviert bekommen habe.
00:32:56: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Und mit Vollkorn.
00:32:59: BRIGITTE HUBER: Also ich sehe da ganz viel Potential in dir, also auf jeden Fall. Bei mir wars da auch so, ich hab dann diese Übung dann weitergemacht und hab dann immer rumgeschielt, was die anderen da ankreuzen und dann habe ich irgendwann so ganz sanft mit so einem ganz sanften Bleistift so rund um die 80 son Kreis gemacht. Kleinen Kreiskreis. Und die anderen haben mich angeschaut, auch so, oh Gott, was ist jetzt mit ihr los? Okay, sie hat wohl überhaupt keinen anderen Lebenssinn oder sonst irgendwas, aber das war dann wirklich so und da hab ich dann vor meinem inneren Auge Helma Sick gehabt.
00:33:30: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Die Finanzberaterin, Genau.
00:33:33: BRIGITTE HUBER: Die auch das Bundesverdienstkreuz auch bekommen, weil sie ihr Leben lang quasi für die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen sich eingesetzt hat und die ist jetzt 84, wird, glaube ich, bei 85 und die geht jede Woche noch dreimal in ihre selbst gegründete Firma, die sie inzwischen längst übergeben hat und sitzt da in ihrem Büro und sagt, ich hab noch nie, nie darüber nachgedacht, in Rente zu gehen. Und wenn man dann Helmer sieht und ihre leuchtenden Augen und dann hab ich mir gedacht, okay, nee, das das ist jetzt mein Rolemodel. Also ich arbeite schon noch eine Zeit lang.
00:34:09: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ja, ich hab als Rolemodel meine Tante Hannelore, die war Professorin für Psychologie und hat auch gearbeitet, bis sie 80 Jahre alt war mindestens und hat zuletzt noch ein Buch rausgegeben, die hat sich mit kindlicher Sprachentwicklung beschäftigt, eine Art normierter Fragebogen, der jetzt tatsächlich in Baden-Württemberg zum Beispiel in ganz viel Kinderarztpraxen eingesetzt wird, um rauszukriegen, ob Kinder eine altersentsprechende sprachliche Entwicklung hinlegen oder nicht. Und die hat auch bis 80 hat die gearbeitet.
00:34:39: BRIGITTE HUBER: Ja, also insofern, da gibt's inzwischen viele gute Beispiele. Jeder und das ist ja eigentlich das Gute, das hat auch Sonja Schiff gesagt. Jede oder jeder hat jetzt von finanziellen Notwendigkeiten abgesehen, die Möglichkeit, das bisschen so zu gestalten, wie man möchte und ja, mal gucken. Aber wir haben jetzt Feierabend, würde ich mal sagen bei der Folge, oder?
00:34:59: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Eine Sache noch. Wir haben bei unserem, in unserem Buch „Endlich Ich" haben wir einen Fragebogen. 13 Fragen haben wir immer den Leuten gestellt, mit denen wir gesprochen haben und die wir getroffen haben für unser Buch und meine Frage aus dem…
00:35:13: BRIGITTE HUBER: Und ich war immer froh, dass ich dich selber beantworten muss.
00:35:16: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ja, aber jetzt, weil meine Frage heute an dich ist: Was kannst Du heute, was Du mit 40 noch nicht konntest?
00:35:24: BRIGITTE HUBER: Also natürlich hab ich über dieses Thema schon häufiger mal nachgedacht und ich würd jetzt gern sagen und son bisschen stimmt das auch, ich bin bestimmt viel gelassener geworden, ja? Also wenn ich mich vor wenn ich mir so vorstell, wie ich mich vor 20 Jahren neben, also wie ich mich heute neben mein jüngeres Ich mit so 40 sitzen würde, also ich sag mal, die wird gar nicht lange sitzen bleiben, die wird sofort wieder aufspringen und irgendwas Wichtiges zu tun haben. Da bin ich gelassener geworden, das ist aber nicht so messbar und es gibt auch Menschen in meinem familiären Umkreis, die dabei, wenn ich das sag, son bisschen den Kopf schütteln. Was ich auf jeden Fall heute kann, was ich vor 20 Jahren nicht kann, ich kann Abseits erklären beim Fußball und ich seh's sogar oft beim Spielen als Erste.
00:36:07: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Echt? Das ist bemerkenswert.
00:36:08: BRIGITTE HUBER: Das ist meine Ich weiß nicht, ob man da jemals noch Geld draus schlagen kann oder so was, wahrscheinlich nicht, weil es gibt ja jetzt auch diesen Kölner Keller oder so was, aber das ist etwas, was ich vor 20 Jahren nicht hingekriegt hätte. Als angesteckter Fußballfan. Und Du?
00:36:25: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Also, was kann ich besser als vor 20 Jahren? Ich kann die Sachen besser stehen lassen. Ich hatte so als junge Frau immer den Impuls, Sachen zu verändern und irgendwie Sachen in meine Richtung zu geben und das mache ich heute nicht mehr. Ich kann heute wirklich andere Meinungen viel lockerer stehen lassen, als als ich das früher konnte und irgendwie so ruhig abwarten, was sich daraus entwickelt. Also das geht definitiv besser.
00:36:49: BRIGITTE HUBER: Ja, da arbeite ich noch dran. Aber schönes Ziel und wir brauchen ja immer Ziele.
00:36:54: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Na ja, schauen wir mal, wie wie gut's geht. Mein Mann würde jetzt wahrscheinlich leicht in sich hineinkichern.
00:36:59: BRIGITTE HUBER: Ja, ja, genau. Aber das das das lassen wir nicht zu. Wir kichern uns jetzt aus der Folge, würde ich sagen. Es hat mir wie immer sehr, sehr viel Spaß gemacht.
00:37:09: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Ja, vielen Dank fürs Zuhören.
00:37:10: BRIGITTE HUBER: Ja. Vielen Dank fürs Zuhören und wenn ihr den Fragebogen ausfüllen wollt…
00:37:14: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Den haben wir in den Shownotes verlinkt. Da findet ihr auch die ganzen Quellen, die wir für die Folge verwendet haben und wenn's euch gefallen hat, dann würden wir uns natürlich freuen, wenn ihr uns abonniert, damit ihr keine Folge verpasst und schreibt uns auch gerne. Die Adresse lautet redaktion@gesundheit-hoeren.de Das war's für uns heute. Tschüss!
00:37:37: BRIGITTE HUBER: Tschüss und schön, dass ihr uns zugehört habt. Bis zum nächsten Mal!
00:37:40: ANNE-BÄRBEL KÖHLE: Bis zum nächsten Mal!
00:37:53: SPRECHER: gesundheit-hören – Das ist das Audioangebot der Apotheken Umschau
Neuer Kommentar